Marktgemeinde Ybbsitz
 



Die burjatischen Schmiede


Die Burjaten waren Reiternomaden und für das Leben in den Steppen waren die Arbeiten der Schmiede sowohl in Friedens- wie in Kriegszeiten von größter Bedeutung. Ohne Hufeisen, Pferdegeschirr und Waffen hätte sich diese Kultur gar nicht entwickeln können. Die Tätigkeit des Schmiedens und die Schmiede selbst wurden daher seit urdenklichen Zeiten kultisch verehrt. Auch dem Eisen selbst wird große magische Kraft zugeschrieben. Die Schmiede nahmen eine herausragende Stellung in der Gesellschaft ein, oft wurden sie genauso verehrt - und gleichzeitig gefürchtet - wie die Schamanen.

 

 


Die Kunst des Schmiedens wird als ein Geschenk der Götter betrachtet. Die Legende besagt, dass die neun Söhne des himmlischen Schmiedegottes Boschintoi auf die Erde herabstiegen und den Menschen das Schmieden beibrachten. Noch heute leben in der Vorstellung vieler Burjaten diese göttlichen Schmiede auf den schneebedeckten Gipfeln des Sajangebirges, die sie zu ihrem Abstieg vom Himmel auf die Erde benutzt hatten, und beschützen von dort aus die Menschen vor bösen Geistern und vor Krankheiten. Es gibt unter ihnen für alle wichtigen Geräte, die zum Schmieden gebraucht werden, einen eigenen Gott, also den Gott des Hammers, den Gott der Esse, den Gott des Blasebalges usw. Bei großen Opferritualen, bei denen traditionell ein Pferd – das wichtigste und am meisten verehrte Tier der Reiternomaden – geopfert wird, werden sie alle angerufen, gepriesen und gebeten, die Menschen weiterhin zu beschützen.
Die Legende berichtet weiter, dass die neun Schmiedegötter auch eine Schwester hatten, die die älteste unter ihnen war und von der sie das Schmieden gelernt hätten. Auch sie, Eilik Mulik mit Namen, stieg vom Himmel auf die Erde herab und sie brachte den Menschen das Feuer. Und auch sie blieb auf der Erde. Sie wandert seitdem umher und verjagt mit Feuerfunken böse Dämonen und Ungeheuer.


Die Schmiedeverehrung verbindet sich bei den Burjaten also mit dem Feuerkult und auch dem Bergkult, da ja die Schmiedegötter ihre Wohnsitze auf den Bergen haben. Diese Kulte bilden bis heute die Grundelemente der schamanistischen Glaubensvorstellungen der Burjaten.


In den zahlreichen Heldensagen, den herausragendsten Werken der burjatischen Volksliteratur, wird oft erzählt, dass der Held, wenn ihm im Kampf gegen schreckliche Ungeheuer, Dämonen und sonstige Feinde die Kräfte verlassen, er hinauf in den Himmel steigt und sich seinen ermatteten Körper von den Schmiedgöttern stählen lässt.


Es verwundert daher nicht, dass die Kunst der burjatischen Schmiede schon vor Jahrhunderten weithin bekannt und berühmt war. Berichte deutscher Gelehrter, die im Auftrag des Zaren im frühen 18. Jahrhundert Forschungsreisen bis in den Osten Sibiriens unternahmen, rühmten die hohe Qualität der Arbeiten burjatischer Schmiede und verglichen sie sogar mit Damaszenerstahl. Die so genannten bratskischen (=burjatischen) Arbeiten – in wunderschönem Ornamentstil auf Eisen aufgeschlagenes Blattsilber – waren im ganzen Russischen Reich berühmt!


Die besondere künstlerische Qualität der burjatischen Schmiedearbeiten hat bewirkt, dass das Schmiedehandwerk trotz der Verdrängung handgeschmiedeter Werkzeuge, Geräte und Waffen durch maschinell gefertigte Fabrikware bis heute bei den Burjaten immer noch weit verbreitet ist und einen hohen Stellenwert genießt. Sowohl die Eisenschmiede als auch die Silber- und Goldschmiede Burjatiens sind nach wie vor große Meister ihres Faches. Viele haben die besten Kunstakademien Russlands besucht und ihre Werke in Ausstellungen in ganz Russland und in aller Welt gezeigt.


 

 

Radna Sanschitow

Er ist Burjate und wurde 1948 geboren.
Studiert hat er an der Leningrader Hochschule für angewandte Kunst, heute unterrichtet er selbst an der Ostsibirischen Staatlichen Kunstakademie in Ulan-Ude, der Hauptstadt Burjatiens.  Er ist Mitglied der Russischen Künstlerunion und hat seine Arbeiten bei vielen Ausstellungen gezeigt, u. a. in Moskau, Jakutsk und Wladiwostok sowie in der Mongolei und in Indien.

 


Das Kunstmuseum der Republik Burjatien hat mehrere seiner Arbeiten angekauft und präsentiert sie z. T. in seiner dauernden Aufstellung.


 

 

Burjatien: Land und Leute

Burjatien ist eine autonome Republik innerhalb Russlands. Das Land liegt weit im Osten Sibiriens etwa fünfeinhalb tausend Kilometer von Moskau entfernt an der Grenze zur Mongolei. Seine Fläche beträgt etwas mehr als 330.000 km2. Es ist also fast so groß wie Deutschland, ist aber viel dünner besiedelt: Nur knapp eine Million Einwohner hat das Land.


Die Landschaft zeichnet sich durch eine große Vielfalt aus: Weite baumlose Steppen wechseln sich mit dichten Wäldern ab, weite Ebenen kontrastieren mit mächtigen Gebirgen mit bis zu 4000 Meter hohen Gipfeln. Und im Zentrum liegt das Weltnaturwunder des Baikalsees, dem tiefsten und wasserreichsten See der Erde. 32.000 km3 klarsten Wassers befindet sich in ihm. Das ist ein Fünftel des gesamten Süßwassers der Erde - ein unbezahlbarer Schatz der Natur!

 

 


Ewenken und vor allem Burjaten sind die Ureinwohner des Landes. Über Jahrtausende haben sie im Einklang mit der rauen Natur – in den langen Wintern wird es bis zu minus 45 Grad kalt, im Sommer ist es oft drückend heiß – gelebt und eine einzigartige Kultur geschaffen. Charakteristisch für die Burjaten war ihre nomadische Lebensweise. Mit Pferden, Schafen, Ziegen, Rindern sowie manchmal auch mit Kamelen zogen sie mit ihren schnell auf- und abbaubaren Rundzelten durch das Land. Milch, verschiedenste Milchprodukte und Fleisch bildeten die Nahrungsgrundlage. Und durch Fischen und Jagen ergänzten sie ihren Speiseplan.


Die Burjaten gehören zur mongolischen Völkerfamilie, Burjatisch ist eine mongolische Sprache. In Vielem sind sie auch heute noch den Mongolen sehr ähnlich. Z. B. weisen ihre Trachten und ihre Volksmusik unverkennbar mongolische Merkmale auf. Auch die heute vorherrschende Religion - der Buddhismus in seiner tibetischen, lamaistischen Form - kam im 17. Jahrhundert aus der Mongolei zu den Burjaten. In Burjatien haben sich aber auch die ursprünglichen schamanistischen Glaubensvorstellungen bis heute erhalten.


In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts wurde das Gebiet von den Russen erobert und dem Russischen Reich eingegliedert. Vieles hat sich seither verändert. Durch die starke russische Zuwanderung wurden die Burjaten zur Minderheit im eigenen Land. Heute stellen sie nur noch knapp 30 Prozent der Bevölkerung. Ihre Kultur wurde nachhaltig von der russischen beeinflusst. So mussten sie z. B. ihre Lebensweise ändern und leben heute nicht mehr nomadisch, sondern sesshaft in Dörfern und Städten. Vieles ihrer traditionellen Kultur haben sie sich aber bis heute bewahrt. Neben ihrem traditionellen Glaubensformen sind ihre Volksmusik, ihre Tänze, Trachten und Wettkämpfe, aber auch ihre traditionellen Speisen und vieles mehr in Burjatien allgegenwärtig. Besonders während der großen Feste, wie das Neujahrsfest – gefeiert nach dem Mondkalender Ende Jänner/Anfang Februar – oder das nationale Sportfest „Surcharban“ im Sommer, bei dem die traditionellen Wettkämpfe im Reiten, Ringen und Bogenschießen im Zentrum stehen, ist noch viel davon zu sehen.


Stefan Krist,
Ethnologe, Universität Wien